Waldkiefer, Föhre,
Es gibt so unscheinbare Pflanzen, die sind irgendwann und irgendwie in den Garten gelangt und man hat sie mit allen anderen einfach mitgepflegt ohne sich noch an Genaueres zu erinnern, geschweige denn man hätte irgendwelche Fotos oder sonstige Aufzeichnungen über sie.
Zu solchen Exemplaren zählt diese Kiefer. Solange ich mich erinnern kann stand sie in dieser eckigen Schale und so oft ich überlegt habe, was aus ihr werden könnte, hatte mich ein Ast unten Links frustriert. Nach den Regeln der Bonsaikunst sollen die Äste nach Möglichkeit immer an der Außenseite einer Stammbiegung ansetzen. Genau dort befand sich der erste Ast und so oft ich ihn mir dort betrachtete merkte ich, dass irgendetwas nicht stimmt in der Gestaltung. So ging das einige Jahre, nie kam ich bei der Betrachtung über diesen einen ersten Ast hinaus.
Im Frühjahr 2008 nahm ich mir dann den Baum und mein Werkzeug. Nach der Devise "was stört kommt weg" ging ich rigoros durch den Baum. Dabei schnitt ich als allererstes diesen besagten ersten Ast weg, der angeblich nach Lehrbuch ein absolutes Muß bedeutete. In dem Moment als dieser fiel, fielen auch bei mir die Groschen und ich fing an eine Vision für diesen Baum zu bekommen. Nun verstand ich auch was der Grund war. Der erste Ast hat die ganze Gestaltung sehr in die Breite gezogen. Da der Baum aber vom Stamm her eher schlank und jung ist, wirkte das überhaupt nicht.
Die Krone wäre optisch zu schwer geworden. Der erste Ast auf der Innenseite der Biegung dagegen macht den Baum kompakt und hält ihn zusammen.

Grundgestaltung Juni 2008
Der radikale Rückschnitt bewirkte eine wahre Explosion an dem Baum. Sowohl die Nadeln bekamen Dank der optimalen Düngung und Wässerung eine außergewöhnliche Länge und auch die Rückknospung war mehr als zufriedenstellend. Somit stand am Ende des Jahres fest, dass diese Kiefer auf einem guten Weg zum Bonsai ist.

Kiefer im Herbst 2008

Rückknospung
Da der Baum schon viele Jahre in der Schale stand und der gesundheitliche Zustand nach dieser Grundgestaltung außerordentlich gut war, bot sich im Frühjahr 2009 ein Umtopfen geradezu an. Dazu fand sich eine kleine aber sehr feine Schale, welche ich von Horst Heinzlreiter geschenkt bekam. Wie es aussieht könnte das mehr als eine vorübergehende Lösung sein.

April 2009, Schale: Horst Heinzlreiter
Nachdem diese Kiefer das Umtopfen besser überstanden hat als erwartet, habe ich nun noch im selben Jahr die erneute Gestaltung mit einem durchdrahten aller Äste und Zweige vorgenommen. 2 Wochen zuvor hatte ich bereits die alten Nadeln geschnitten. Nun hoffe ich auf eine satte Rückknospung vor allem im oberen Bereich. Aber in dieser Hinsicht bin ich ja bei diesem Baum nur gutes gewöhnt.

Juli 2009, erneut durchgedrahtet